Werbung

Nachricht vom 21.07.2012    

Die "Königin" tanzt nach Klaus Schnugs Pfeife

Seit 45 Jahren ist das Selterser Urgestein Klaus Schnug Organist in der Evangelische Kirche. Er kann viel erzählen aus dieser langen Zeit und ans Aufhören denkt der 63-Jährige noch lange nicht. Er hat einen Traum, den er realisieren will.

Klaus Schnug ist seit 45 Jahren Organist in Selters. Foto: Peter Bongard

Selters. Wenn jemand in den späten Sechzigern zu Klaus Schnug gesagt hätte, dass er seiner Organistenstelle in Selters 45 Jahre lang treu bleibt, hätte Schnug ihn für verrückt erklärt. Denn als 18-Jähriger konnte er es sich nie und nimmer vorstellen, dass ihn die „Königin der Instrumente“ der Evangelischen Kirche fast sein ganzes Leben lang begleitet. Aber da das Leben selten nach einer festen Partitur spielt, sondern oft munter improvisiert, ist der heute 63-Jährige seiner Dienststelle länger treu geblieben als gedacht.

Denn als Jugendlicher will Klaus Schnug gar nicht Orgel, sondern Saxophon spielen. „Aber als mir gesagt wurde, dass ich dafür erst Klarinette lernen müsste, hab ich's dann doch gelassen.“ Der Mann ist eben Pragmatiker. Eher Realist als Träumer; einer, der das Leben so nimmt, wie es kommt. 1958 schenkt ihm das Leben ein Klavier. Seine Mutter hatte sich geschworen, dass ihr Junge mal ein Instrument lernen sollte, weil sie dazu nie eine Gelegenheit hatte. Klaus Schnugs Begeisterung hält sich in Grenzen. „Im Klavierunterricht wurde eben Klassik gespielt. Dabei hätte ich auch gerne mal Sachen ausprobiert, die in dieser Zeit angesagt waren.“ Doch für Beat und Rock 'n' Roll ist im Unterricht zwischen Beethoven und Rachmaninov kein Platz. Nach drei Jahren hat Klaus Schnug keine Lust mehr aufs Klavier und ist kurz davor aufzugeben.
Doch dann lernt er seinen künftigen Lehrer Ernst Sayn kennen, der ihn die Tricks der Harmonielehre beibringt – ein Türöffner in eine neue musikalische Welt.
„Endlich war ich in der Lage, Stücke aus dem Radio nach zuspielen“, erzählt Schnug von seiner wiederentdeckten Freunde an der Musik. Eine Freude, die auch dem damaligen Selterser Pfarrer Rollbühler nicht verborgen bleibt. Er möchte den Jungen als Organisten engagieren und überzeugt ihn, an einem dreimonatigem Intensivkurs beim damaligen Kantor Altmann teilzunehmen.
„In dieser Zeit musste ich knallhart üben“, erzählt Klaus Schnug. Aber die Plackerei hat sich gelohnt, denn am 24. Dezember 1964 spielt er zum ersten Mal in einem Gottesdienst, der prompt in die Hose geht. „Ich habe ,Ich steh' an deiner Krippen hier' zu schnell begonnen und musste dann mittendrin aufhören zu spielen. An diesen Moment muss ich immer noch denken, wenn ich das Stück vor mir habe“, erzählt er.

Mittlerweile kann er darüber lächeln. Denn auch dadurch lässt sich der Pragmatiker nicht aus der Ruhe bringen und tritt als 18-Jähriger seine Festanstellung in der Selterser Kirchengemeinde an. „Obwohl mir die Entscheidung gar nicht so leicht gefallen ist. Schließlich bedeutete das, dass ich an allen Sonn- und Feiertagen ran musste.“ Doch Schnug sagt trotzdem ja – und hält der Stelle Jahrzehntelang die Treue. Hätte er sich damals dagegen entschieden, könnte er heute wahrscheinlich weitaus weniger Anekdoten zum Besten geben, die sich seit 1967 angesammelt haben. Etwa über seinen Gottesdienst am Morgen nach der Selterser Kirmes, in dem er den Pfarrer nur als verschwommene Silhouette von der Orgelbank aus erkennen konnte. Oder an die Goldene Hochzeit irgendwann in den 1980ern, die nicht nur er, sondern auch der Pfarrer vergessen hatten.
„Einmal habe ich in meinem jugendlichem Übermut sogar den Popsong „Early Bird“ von Andre Brasseur auf der Maxsainer Orgel gespielt – etwas, was damals noch undenkbar war. Als ich fertig war, kam der Küster auf die Empore gestürmt. Ich dachte, dass er mir den Kopf abreißt. Aber er war ganz begeistert und sagte: ,Junge, das war Spitzenklasse!'“



Aus seiner Sturm-und-Drang-Phase ist Klaus Schnug mittlerweile herausgewachsen. Nach 45 Jahren als Organist weiß er, dass es letztlich auf Zuverlässigkeit ankommt. Und dass man nicht nur das Leben, sondern auch sein Instrument so nehmen sollte, wie es ist. „Ich hätte zwar ganz gerne ein zweites Manual, also eine zweite Tastatur an der Selterser Orgel, aber das ist aus technischen Gründen nun mal nicht machbar...“
Einen Traum will sich Klaus Schnug während seiner Organistentätigkeit aber trotzdem noch erfüllen. Er möchte irgendwann einmal die Bach'sche Toccata und Fuge in d-Moll spielen können, jenen Superhit der Orgelliteratur. Vielleicht klappt's ja zum ganz großen Dienstjubiläum in fünf Jahren. „Wenn es nach mir geht, mache ich so lange noch weiter“, sagt er. „Aber wer weiß schon, wie das Leben spielt.“ (bon)



Lesen Sie gerne und oft unsere Artikel? Dann helfen Sie uns und unterstützen Sie unsere journalistische Arbeit im Westerwaldkreis mit einer einmaligen Spende über PayPal oder einem monatlichen Unterstützer-Abo über unseren Partner Steady. Nur durch Ihre Mithilfe können wir weiterhin eine ausgiebige Berichterstattung garantieren. Vielen Dank! Mehr Infos.



Lokales: Selters & Umgebung
Feedback: Hinweise an die Redaktion

Anmeldung zum WW-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Westerwaldkreis.

» zur Anmeldung



Aktuelle Artikel aus Region


Aktualisiert: 14-jähriger Junge aus Oberraden wohlbehalten gefunden

Seit dem 11. März galt San Luca S. aus Oberraden als vermisst. Die Suche nach ihm hielt die Region in ...

Ameisenbär "Bramble" ist umgezogen

"Schau mal Mama, den haben wir ja noch nie gesehen!" Das Mädchen drückt die Nase an die Fensterscheibe, ...

Frühlingszeit, Zeckenzeit: Was Hunde, Katzen & Menschen jetzt wissen müssen

Nach einem milden Winter sind die Zecken wieder unterwegs und machen nicht nur uns Menschen, sondern ...

Das Raiffeisenmuseum in Hamm: Genossenschaftsidee zum Anfassen

Im kleinen Hamm an der Sieg steht das Geburtshaus des großen Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888), ...

Montabaur feiert erfolgreiche Premiere der Lachnacht

Die "1. Montabaurer Lachnacht" lockte am 2. April zahlreiche Besucher in die Stadthalle Haus Mons Tabor. ...

Generationenwechsel im Berufsbildungsausschuss der HwK Koblenz

Der Berufsbildungsausschuss der Handwerkskammer Koblenz hat sich neu formiert. Langjährige Mitglieder ...

Weitere Artikel


Jugendleiterin Lisa Hägerbäumer nimmt Abschied

Lisa Hägerbäumer ist von Montabaurer Jungs und Mädels durch und durch überzeugt. Die Jugendleiterin der ...

Lesesommer kommt in Selters gut an

Zum zweiten Mal beteiligt sich die Stadtbücherei Selters an der rheinland-pfälzischen Aktion "Lesesommer". ...

Jobcenter Westerwald hat neue Öffnungszeiten

Die Geschäftsstellen der Jobcenter im Westerwaldkreis haben ab 1. August erweiterte Öffnungszeiten. Es ...

5.000 Euro für Kinderkrebshilfe Gieleroth

Westerwald Bank-Vorstand Paul-Josef Schmitt ist Schirmherr des diesjährigen Sommerfestes der Freunde ...

Cro und Kraftklub beim Spack-Festival in Wirges dabei

Beide Bands stehen aktuell in der Beliebtheitsskala der Jugend ganz weit oben – Zwei Tage Konzert am ...

Sommerreise führte Wirtschaftsministerin ins Kreisgebiet

Wirtschaftsministerin Eveline Lemke kam im Rahmen ihrer Sommerreise 2012 in den Westerwaldkreis und den ...

Werbung