Werbung

Nachricht vom 24.10.2014    

Kritik am Ehrenamt ist dringend notwendig

Der Westerwald wäre ohne das gelebte Ehrenamt ärmer! Etwa 55.000 Menschen im Westerwaldkreis bringen freiwilliges Engagement im Verein, der Gemeinde, in der Schule oder in vielen anderen Bereichen unserer Gesellschaft ein und hören überall nur Lob für die gute Tat. Doch kaum jemand hat es bisher gewagt, dieses vielfältige ehrenamtliche Tun zu hinterfragen. In Westerburg wurde jetzt ein Anfang zu einer auch im Westerwald notwendigen Diskussion gemacht.

Claudia Pinl im LOGO Foto: Veranstalter

Westerwaldkreis. Das Forum Soziale Gerechtigkeit hatte die Publizistin und Autorin Claudia Pinl in die Buchhandlung LOGO eingeladen. Der Gast aus Köln stellte ihr aktuelles Buch „Freiwillig zu Diensten? Über die Ausbeutung von Ehrenamt und Gratisarbeit“ vor. Obwohl ihre auf 144 Seiten beschriebenen Thesen wenig geeignet waren Harmonie zu verbreiten, wurde es dennoch eine harmonische Veranstaltung. Grund dafür war, dass alle Plätze in der Buchhandlung mit Leuten besetzt waren, die ohne Ausnahme ehrenamtlich tätig sind und für den kritischen Blick darauf dankbar waren.

Für die Gastgeber begrüßten Petra und Eva Zimmermann die vielen Gäste und dankten dem Forum Soziale Gerechtigkeit für die Initiative zu diesem Abend. Forumssprecher Uli Schmidt (Horbach), der die Veranstaltung auch moderierte, leitete mit einigen provokanten Anmerkungen in die Thematik ein. „In der Politik setzt sich immer mehr die Meinung durch: warum sollen wir noch für notwendige Arbeiten bezahlen, wenn wir dafür auch Ehrenamtliche finden, die es umsonst machen und die wir am Ehrenamtstag mit einer Belobigung abspeisen können!“, so Schmidt. Dieser Automatismus müsse kritisch hinterfragt und das Bürgerschaftliche Engagement nicht zum Notnagel einer weitgehend verfehlten Finanzpolitik verkommen, die die Reichen schone und die Normalbürger zunehmend mit Steuern und zusätzlichen Ehrenämtern belaste.

„Man kommt sich schon sonderbar vor“, so Claudia Pinl, „wenn man daran erinnert, dass Bildung, Kultur, kommunale Infrastruktur und soziale Sicherung öffentliche Aufgaben sind, die mit Steuergeldern, finanziert werden müssen. Unter anderem deshalb, um den Abbau von Arbeitsplätzen in diesen und anderen Bereichen zu verhindern“. Die Autorin wies darauf hin, dass 2012 bundesweit 4,6 Mrd. Arbeitsstunden ehrenamtlich geleistet wurden, die rechnerisch 3,2 Mio. Vollzeitbeschäftigten entsprechen.

Pinl stellte die Frage, warum eine so reiche Gesellschaft in immer mehr Bereichen auf immer mehr Ehrenamtliche angewiesen sei, damit es noch rund läuft. „Der Staat wird kaputt gespart, weil man sich nicht traut von dem grenzenlosen und wachsenden Reichtum genug abzuschöpfen“, so der Gast aus Köln. Bei aller berechtigten Kritik dürfe dies nicht dazu führen, dass die Kultur des Helfens mies gemacht werde. Diese halte unsere Gesellschaft zusammen, egal ob bei der sinnvollen Nachbarschaftshilfe oder beim Naturschutz angesichts der drohenden Klimakatastrophe. Derzeit werde immer mehr mit „Aufwandsentschädigungen“ gelockt, um noch genug Leute zu mehr Bürgersinn zu motivieren.



Im Verlauf der zweistündigen Diskussion wurde von ehrenamtlichen Mitarbeitern der „Westwaldkreistafel“ immer wieder das Thema „Tafeln“ angesprochen. Diese sammeln überflüssige Lebensmittel ein und geben sie an Bedürftige weiter. „Der Skandal ist hierbei, die geplante industrielle Überproduktion von Lebensmitteln, an der wir alle als Konsumenten mitschuldig sind“, so Claudia Pinl dazu. „Mir geht es mehr darum, gute Lebensmittel zu retten, als Armut zu beseitigen“, rechtfertigte eine der „Tafelaner“ sein Engagement. Eine andere Helferin meinte: „In einigen Jahren sterben wir eh aus, in unserer Tafel sind nur Rentner tätig“. Einig waren sich alle Anwesenden darin, dass es für unsere reiche Gesellschaft ein Armutszeugnis ist, wenn sie einen Teil der Menschen nur mit hohem ehrenamtlichem Engagement ernähren kann.

„Ich ärgere mich über die Selbstverständlichkeit, mit der verschiedene Arten von Gratisarbeit und Ehrenamt von allen Seiten eingefordert werden, versehen mit hehren Etiketten wie bürgerschaftliches Engagement“, so Pinl im Schlusswort. Beispiele dafür seien an dem Abend in Westerburg genug vom Krankenhaus und Altenheim bis zur Schule und der Armenspeisung genannt worden. „Ich wollte mit meinem Buch und der Veranstaltung heute Abend einen Beitrag dazu leisten, diese Entwicklung kritisch im Blick zu haben“, meinte Pinl abschließend.


Feedback: Hinweise an die Redaktion

Anmeldung zum WW-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Westerwaldkreis.

» zur Anmeldung



Aktuelle Artikel aus Region


Aktualisiert: Kienle tot – Händler aus Mülheim-Kärlich deckte Skandal auf

Die aktuelle Episode des Podcasts „Verbrechen von nebenan“ rückt einen der spektakulärsten Oldtimer-Skandale ...

Neues Wohnprojekt in Montabaur: Barrierefreie Wohnungen entstehen

In der Hospitalstraße in Montabaur wird ein neues Bauprojekt realisiert, das dringend benötigten Wohnraum ...

Erneut Weltkriegsbombe an der Pfaffendorfer Brücke in Koblenz entdeckt

Bei Bauarbeiten an der Pfaffendorfer Brücke in Koblenz wurde erneut eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg ...

Niederelbert: Baugebiet "Im Herberg II" erfolgreich erschlossen

Die Erschließung des Neubaugebiets "Im Herberg II" in Niederelbert ist abgeschlossen. Auf 45 neuen Bauplätzen ...

Tafel Koblenz: Wefelscheid lobt Engagement und schlägt Integrationsprojekt vor

Bei einem Besuch der Tafel Koblenz informierte sich der Landtagsabgeordnete Stephan Wefelscheid über ...

Themenvorschläge, Hinweise, Wünsche: Was möchten Sie bei den Kurieren lesen?

In unserer Region - Ihrer Heimat! - passieren oft Dinge, von denen wir als Redaktion nicht zwangsläufig ...

Weitere Artikel


Josef Dötsch vertritt Verbandsgemeinde in Mainz

Josef Dötsch (CDU) ist nun der direkt gewählte Abgeordnete für den Wahlkreis 10 Weißenthurm/Bendorf/Vallendar ...

Zwei Verkehrsunfälle hintereinander auf der A 3

Am Freitagmittag, 24. Oktober ereigneten sich gleich zwei Verkehrsunfälle hintereinander auf der A 3 ...

WohnPunkt RLP geht in die zweite Runde

Zehn weitere kleine Kommunen in Rheinland-Pfalz haben im Jahr 2015 die Chance, Unterstützung beim Aufbau ...

Neuer DHL Paketshop im Stadtteil Langenbach

Seit 20. Oktober können die Bürgerinnen und Bürger in und um den Stadtteil Langenbach bequem Päckchen, ...

Anstieg der Kriminalität bei Polizeiinspektion Hachenburg

Nachdem in den letzten Jahren ein stetiger Rückgang bei den Straftaten im Dienstgebiet der Polizeiinspektion ...

"Jugend musiziert“ geht in die 52. Runde

Für das "Jugend musiziert"-Vorspiel ab Januar 2015 können sich Kinder und Jugendliche bis zum 15. November ...

Werbung