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Nachricht vom 01.03.2015    

Gegendarstellung von Max Uthoff

Kabarettist Max Uthoff brauchte als einzige Requisite ein Megaphon. Schwer bewaffnet ist er sowieso immer, denn „Die Sprache ist die Waffe des Pazifisten“. Mit Sprache kämpft, sticht, betört und verwirrt der Solokünstler. Sein Auditorium muss konzentriert zuhören, um keine der scharfzüngigen Nuancen politischer Analysen zu verpassen.

Max Uthoff hatte viel zu sagen. Fotos: Wolfgang Tischler.

Hachenburg. Lange im Voraus ausverkauft war die Veranstaltung der Kultur-Zeit Hachenburg am Samstagabend, 28. Februar in der Stadthalle. Der aus der Fernsehsendung „Die Anstalt“ bekannte Kabarettist und Jurist formuliert präzise und stringent. Er betrachtet das politische Geschehen aus ungewohnter Sicht und entlarvt gesellschaftliches Schablonendenken, das sich häufig in bekannten Phrasen niederschlägt. Mit Megaphon, durch das Uthoff solche Aussagen rief, betrat der Künstler von hinten den Saal und stieg auf die Bühne, den Satz wiederholend: „Wer immer wieder dasselbe sagt, hat Recht.“

Beim Blick in den Saal stellte Uthoff fest: „Mittelschicht goes Kultur.“ Die Kultur bestand aus verbaler Hochseilakrobatik mit politischer Balancierstange, an deren einem Ende Merkel und Seehofer steckten, am anderen Ende Schröder und Gabriel. Der Kabarettist stellte fest, die demokratische Bundesrepublik Deutschland heiße noch so, sei aber vor einiger Zeit in eine Stiftung überführt worden mit dem Ziel, das Vermögen weiter zu vermehren, jedoch einen Großteil der Bevölkerung davon auszuschließen. Als Vorstand der Stiftung fungierten Politiker.

Die Maut sei ein europarelevantes, genial durchdachtes Projekt: „Alexander Dobrindt hat ein den Rand der Poesie streifendes Gesetzeswerk entworfen.“ Der Satz endete bei seiner Beweisführung im Sprachkreisel ohne Ausfahrt. Der Bayer Uthoff zitierte eine Befragung, wonach sich 42 Prozent der bayrischen Wähler als Nachfolger Ministerpräsident Seehofers Markus Söder wünschen, 24 Prozent Ilse Aigner und 20 Prozent Franz Josef Strauß. „Nur wir Bayern kommen überhaupt auf die Idee, jemandem wie Dobrindt ein Ministeramt zu verleihen. Nicht immer muss der Kompetenteste gewinnen.“

Kretschmann, der erste Ministerpräsident aus biologischem Anbau, halte Widersprüche aus, er sei schließlich ein Biologielehrer, der an Gott glaube. Die Grünen bezeichnete der Kabarettist als Karaoke-Opposition und Politik für FDP-Wähler sei wie Tabledance für Blinde. Mit Blick auf die zahlreichen rechten Parteien analysierte er: „Es gibt keinen positiven Nationalismus. Stolz auf das eigene Land führt immer zur Ablehnung der anderen.“

Kritisch verfolgte Uthoff den Weg deutscher Präzisionswaffen in alle Krisengebiete, zum Beispiel gelangen sie auch nach Kolumbien, wo sie gegen Arbeiter in Kohlebergwerken eingesetzt werden. Saudi-Arabien, ein Land mit einer kleinen absoluten Herrscherclique und rechtlosen Frauen sei wie Bayern, nur heißer.



Eine Befragung der Zuschauer zeigte, dass niemand die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten gesehen hatte, in der der Satz fiel: „Befreiung ist beglückender als Freiheit.“ Auch nach längerem Nachdenken machte diese Aussage keinen Sinn. Uthoff konstatierte aus den politischen Positionen Gaucks: Freiheit ist Geld verdienen, Verantwortung ist schießen.

Eine Wirtschaftsanalyse erbrachte die Erkenntnis, dass in Zukunft alle Arbeit von Maschinen gemacht werden wird und alle Menschen denselben Beruf ausüben werden, denn es gibt nur eine Tätigkeit, die Maschinen nicht zufriedenstellend machen können: Friseur. Das führt zu sieben Milliarden Friseuren.

In Zukunft bleiben auch alle Menschen zu Hause und bestellen sich Outdoorjacken über das Internet. Auch Gefühle werden outgesourct. Durch Rockmusik wurde die Wildheit outgesourct. Der frühe Tod des Rockstars war dabei eine unausgesprochene Abmachung. Es fielen markante Sätze zu vielen gesellschaftlichen Themen: „Agnostiker sind Atheisten ohne Eier.“ Oder „Kapitalismus ist Religionsersatz. – Wieso Ersatz?“ „Glauben an übersinnliche Wesen ist freier Markt.“ Seine Thesen konnte Uthoff unstrittig mit Beispielen belegen.

Die Situation Griechenlands veranschaulichte der Kabarettist: Man versuche einen Verhungernden durch Nahrungsentzug wieder zu Kräften zu bringen. Uthoff zitierte die zehn Gebote der freien Marktwirtschaft mit einem zusätzlichen elften Gebot nur für Deutsche: „Den Anweisungen des Personals ist unbedingt Folge zu leisten.“ Laut einer OECD-Untersuchung ist nirgendwo die Durchlässigkeit zwischen sozialen Schichten geringer als in Deutschland.

Max Uthoff hinterließ mit seiner Gegendarstellung nachdenkliche Besucher. Das Nachdenken geht in Hachenburg weiter. Am 7. März kommt Stephan Bauer. Uthoff empfahl diesen Kollegen ebenso wie die bitterböse Ironie Sarah Hakenbergs, die am 9. Mai in der Stadthalle gastieren wird. Da nimmt es nicht Wunder, dass Kulturreferentin Beate macht stolz einen Abonnentenrekord für die laufende Saison vermelden konnte. (htv)



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