80 Jahre Pogrom: Nicht die Erinnerung, sondern das Vergessen ist die Gefahr
Eine Ausstellung zum Gedenken an die Reichspogromnacht vor 80 Jahren gibt es derzeit im Westerburger im Pfarrer-Ninck-Haus. Die Evangelische Kirchengemeinde Westerburg, die Geschichtswerkstatt des Westerwaldvereins Westerburg und die Evangelische Erwachsenenbildung im Dekanat Westerwald haben eine Ausstellung zusammengetragen, die den Weg vom christlichen Antijudaismus zu einem erneuerten Verhältnis zum Judentum und Zeitzeugnisse aus der Westerburger Geschichte dokumentiert.
Westerburg. Mit den Worten: „Fast auf den Tag genau ist es 80 Jahre her, dass auch hier in Westerburg schlimme Dinge geschehen sind,“ begrüßte Westerburgs Pfarrer Eckehard Brandt die zahlreichen Besucher anlässlich der Ausstellungseröffnung „Erinnern – nicht vergessen“ im Pfarrer-Ninck-Haus. Die Evangelische Kirchengemeinde Westerburg, die Geschichtswerkstatt des Westerwaldvereins Westerburg und die Evangelische Erwachsenenbildung im Dekanat Westerwald haben eine Ausstellung zusammengetragen, die den Weg vom christlichen Antijudaismus zu einem erneuerten Verhältnis zum Judentum und Zeitzeugnisse aus der Westerburger Geschichte dokumentiert. „In Westerburg kam es am 10. November 1938 zu massiven Ausschreitungen“, berichtete die ehemalige Westerburger Stadtarchivarin Maria Meurer in ihrem Vortrag zur Ausstellungseröffnung. „Die Westerburger Juden wurden aus ihren Wohnungen geholt, unter Beleidigungen und Schmähungen weggeführt und in der Synagoge in der Wilhelmstraße eingesperrt. Dann warf man die Fenster der Synagoge ein und verbrannte sämtliche Einrichtungsgegenstände auf der Straße.“
Die jüdische Gemeinde wurde gezwungen, die Reparaturen auf ihre Kosten zu veranlassen und musste am 25. März 1939 die Synagoge für 175 Reichsmark an die Stadt Westerburg verkaufen. Dabei war das Zusammenleben von Christen und Juden keine dreißig Jahre zuvor noch unproblematisch, wie Maria Meurer anhand von Quellen nachwies. 1910 hatte die heimische Tageszeitung ausführlich zu den Festlichkeiten zur Einweihung des Neubaus des Synagogengebäudes berichtet. Ganz Westerburg hatte an einer feierlichen Prozession der jüdischen Gemeinde durch die Stadt und weiteren Festlichkeiten Anteil genommen, die “in schönster Weise verliefen“, wie die Zeitung schrieb. Doch das harmonische Zusammenleben währte keine zwei Jahrzehnte mehr, berichtete Meurer. Bereits 1930 gab es in Westerburg eine 70-köpfige Ortsgruppe der NSDAP. Im November 1932 erreichte die NSDAP bei der Wahl die meisten Stimmen. „Zu diesem Zeitpunkt wurden die Juden in Westerburg auf der Straße schon nicht mehr gegrüßt und zunehmend drangsaliert.“ sagte Meurer. Das Attentat eines Einzeltäters gegen den deutschen Botschafter in Paris lieferte den Nationalsozialisten schließlich den Grund für die Pogromnacht, die den reichsweiten Höhepunkt der Judenverfolgung darstellte und der Beginn der Vernichtung war, berichtete Meurer.
Sie schilderte zahlreiche Einzelschicksale von Westerburger Juden, die ins Ausland flohen, in Konzentrationslager gebracht wurden oder deren Spur sich verlor. Die Zahl der Westerburger Juden verringerte sich von 85 noch im Jahre 1933 auf 22 im März 1942. Die beim Vortrag anwesende Zeitzeugin Renate Laszlo berichtete von der Deportation der letzten Juden aus Westerburg, die sie als 8jährige beobachtet hatte: „Ich wusste nicht, was vor sich ging, aber die, mit Gepäckstücken bepackten, Leute haben mir zugewunken, ich kannte ja damals alle Menschen in Westerburg.“ Maria Meurer schloss ihren Vortrag mit dem dringenden Appell die Erinnerungskultur an diese Zeit zu pflegen und dem Wunsch, auch in Westerburger mögen Stolpersteine verlegt werden, um der Schicksale der Westerburger Juden zu gedenken.
Die Ausstellung „Erinnern- nicht vergessen“ im Pfarrer-Ninck-Haus ist bis zum 13. November täglich von 15-18 Uhr geöffnet. Führungen für Gruppen, wie z.B. Schulklassen, sind auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich. Die Ausstellung gliedert sich in sechs Teile. Teil I zeigt ein Modell des Tempels in Jerusalem und Gegenstände, die für den jüdischen Glauben wichtig sind. Teil II zeigt den Irrweg in Theologie und Kirche, auf dem Juden als Menschen und das Judentum als Religion diskriminiert wurden, bis hin zu einer Erneuerung im christlich-jüdischen Verständnis der letzten 65 Jahre. Teil III beschreibt die Stationen des Holocaust von Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte bis zu den Beschlüssen der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942. Teil IV besteht aus den Zeitdokumenten, die Archivarin Maria Meurer konkret zu den Ereignissen in der Westerburger Geschichte zusammen getragen hat. Teil V beschäftigt sich mit einer Studie, die besagt, dass 20% der Bevölkerung latent antisemitisch sind und forscht nach den Gründen. Teil VI besteht aus dem Oskar prämierten deutschen Kurzfilm „Spielzeugland“, der eine Geschichte über eine Deportation von Juden 1942 erzählt. Anmeldungen für Führungen sind möglich im Gemeindebüro der Evangelischen Kirchengemeinde (Tel.: 02663-8128, E-Mail: e.brandt@web.de). (PM)
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