Werbung

Nachricht vom 27.01.2020    

„POP“ wählen: Partei ohne Partei mit Mathias Tretter

Von Helmi Tischler-Venter

Weil politisches Kabarett 75 Jahre nach Auschwitz wichtiger denn je ist, engagiert die Kleinkunstbühne Mons Tabor jährlich einmal am Gelbach die Großen ihres Fachs. Am 25. und 26. Januar war das eine besondere Kabarettgröße: Mathias Tretter, zum letzten Mal mit seinem Programm „Pop“. Wie gut der Mann ist, zeigten zwei völlig ausverkaufte Vorstellungen und die weite Anreise zweier Münchener, die das Programm unbedingt noch erleben wollten. Ein Erlebnis war es tatsächlich, weil jedes Wort bedeutsam und jeder Satz eine skurrile Erleuchtung war.

Mathias Tretter. Fotos: Helmi Tischler-Venter

Montabaur-Ettersdorf. Warum benutzt ein Mann Lippenstift? Um von der Tatsache abzulenken, dass er eine Sehhilfe benötigt. Weil Tretters Feinmotorik nicht mit Kontaktlinsen kompatibel ist, muss es die Brille sein, Viagra im Gesicht. Man ist immer noch Mann. Warum nicht Make-up? Es rasieren sich heute doch auch alle überall! Haare sind eklig, weil wir vom Affen abstammen und nicht vom I-Phone.

Mit seinem fränkischen Freund Ansgar pflegt Tretter das „Windowing“: analoges Chatten am Inter-Face zwischen privatem und öffentlichem Raum, im Fenster gegenüber dem Büdchen, eine Beschäftigung, die vornehmlich von Rentnern und Rentnerinnen im Erdgeschoss mit Daunenkissen auf dem Fenstersims ausgeübt wird. „Wir verblöden vor der Realität mit DDD – Doppelripp, Daunenkissen, Dosenbier.“

Ansgar ist promovierter Philosoph, der wieder einen Job an der Uni hat. Als Hausmeister oder „Caretaker“. Wegen des Lippenstifts diffamiert er Tretter als Polibido-Kabarettisten und post-post-modernen Spießer.

Ansgar hat eine Exit-Strategie aus seinem Drogenkonsum: Er will in die Politik gehen und dazu eine populistische Partei rechts von der AfD und links von den Grünen gründen. Sie soll radikal gegen Islam, antichristlich und judenskeptisch sein. Die finanzielle Wahlkampfhilfe kommt demnächst aus Moskau. Ein riesiges Wählerpotential sieht er in der zunehmenden Zahl der Atheisten, die er in die warme Gemeinschaft der Gottlosen holen will. Name der Partei: Pop – Partei ohne Partei, Politik ohne Politikgetue, progressiver Populismus – ein „Pompenprojekt“! Eine Partei der politischen Amateure, schließlich wurde ins höchste Amt der Welt ein Amateur gewählt aus Hass auf die Profis. Die Evolution dreht sich zurück.

Den Dialog mit dem Freund performte der Würzburger mit leichter Körperdrehung, zwei verschiedenen Stimmlagen und fränkischem Dialekt für Ansgar. Populisten sind Linguisten: „Wir sind die Einzigen, die die Sprache des Volkes sprechen“, meint Ansgar. Gibt es einen geheimen Studiengang „Völkisch“? Werden die Medien von „ganz oben“ gesteuert? Fast die Hälfte der Bevölkerung ist dieser Überzeugung, das können nicht nur Ostdeutsche sein. Gibt es ein Politbüro, das jeden Tag vorschreibt, was abgeschrieben werden muss? Sitzt dort Angela Merkel im Kleopatra-Kostüm mit Lyra-Raute? Gibt es die Zeitungen unterschiedlicher politischer Provenienz nur zum Vertuschen der Zentralsteuerung?



Mathias Tretter beharrt darauf, kein Kreativer zu sein, sondern Künstler, das sei das Gegenteil von einem Kreativen. Der Kreative ist Sklave des Zwecks, willenlose Hure der Kulturindustrie. Der Künstler soll sein Programm bei der Parteigründung bringen. In der Paulskirche. – In Lautenstadt an der Gollach.

Tatsächlich habe er Ansgars Gründungsparty moderiert mit der spannenden Antrittsrede des Vorsitzenden zum Thema Sicherheit, die sich auf Anschläge mit christlichem Hintergrund bezog, die Ehe. Das beste Mittel gegen Terror sei der Atheismus, der noch nie religiös motivierte Anschläge verursacht habe. Alle sollen glauben an ein Leben vor dem Tod. Ansgar analysierte: „Wir haben genügend Sicherheitskräfte, wir müssen sie nur aktivieren: Schützenvereine! Die sind bestens ausgestattet, personalstark und Amateure.“ Die Bundeswehr hat dann Zeit für Brauchtumspflege.

Die Zukunft ist eingetütet: Google arbeitet an der Unsterblichkeit mit dem Ziel, dass dem optimierten Menschen totale Freiheit gewährt wird durch 95 Prozent Arbeitslosigkeit und 30 Tage Urlaub im Monat. Damit könnte kein Mensch umgehen. Man braucht den Tod nicht, um in die Hölle zu kommen. Glaube, Liebe, Hoffnung: Wen lieben und was hoffen, wenn man unsterblich ist? Fazit: „Der Sinn des Lebens ist der Tod. Ohne den wird alles irgendwann langweilig.“ Hallelujah! Trotz heftigen Beifalls gab Matthias Tretter keine Zugabe, weil mir keine Steigerung nach dem kyrillischen Choral eingefallen ist.“

Freuen können sich Kabarettfreunde bereits auf die folgenden Veranstaltungen der Kleinkunstbühne: Die „Westerwälder Kabarettnacht“ am 20. und 21. März in der Oberelberter Stelzenbachhalle mit „HG. Butzko“ und „Schwarze Grütze“ sowie die Konzertreihe „Musik in alten Dorfkirchen“ mit fünf Konzerten zwischen Mai und Oktober.

Ein Höhepunkt in 2020 wird sicher das dann schon 30. Westerwälder Kleinkunstfestival „Folk & Fools“ im November in Montabaur. htv



Lesen Sie gerne und oft unsere Artikel? Dann helfen Sie uns und unterstützen Sie unsere journalistische Arbeit im Westerwaldkreis mit einer einmaligen Spende über PayPal oder einem monatlichen Unterstützer-Abo über unseren Partner Steady. Nur durch Ihre Mithilfe können wir weiterhin eine ausgiebige Berichterstattung garantieren. Vielen Dank! Mehr Infos.



Lokales: Montabaur & Umgebung
Feedback: Hinweise an die Redaktion

Weitere Bilder (für eine größere Ansicht klicken Sie bitte auf eines der Bilder):
     

Anmeldung zum WW-Kurier Newsletter


Mit unserem kostenlosen Newsletter erhalten Sie täglich einen Überblick über die aktuellen Nachrichten aus dem Westerwaldkreis.

» zur Anmeldung



Aktuelle Artikel aus Kultur


"Over the Rainbow": Ein anspruchsvolles Konzert in Ransbach-Baumbach

In der Stadthalle von Ransbach-Baumbach erlebten die Zuschauer ein Konzert, das sie nicht so schnell ...

20. Monkey Jump Kneipenfestival Hachenburg: Party-Hochburg am 29. März

ANZEIGE | Am Samstag, den 29. März, verwandelt sich Hachenburg in eine Festival-Hochburg, wenn das 20. ...

Junge Künstlerin Kim Bender präsentiert ihre Werke in Dernbach

Im April haben Kunstliebhaber die Möglichkeit, die vielfältigen Werke der talentierten Malerin Kim Bender ...

Klezmers Techter bringen jiddische Musik nach Montabaur

Am 1. April erwartet die Besucher im Gewölbekeller von Montabaur ein besonderes musikalisches Erlebnis. ...

Jubiläumsfeier 20 Jahre Welterbe Limes in der Römerwelt Rheinbrohl

Seit zwei Jahrzehnten gehört der Obergermanisch-Raetische Limes zum UNESCO-Welterbe. Dieses Jubiläum ...

Frühjahrsprogramm der Hachenburger KulturZeit ausverkauft

Die Hachenburger KulturZeit erfreut sich großer Beliebtheit. Alle Veranstaltungen des Frühjahrsprogramms ...

Weitere Artikel


Kirmesgesellschaft Wirges vor erster Jahreshauptversammlung

Der jüngste Verein der Stadt Wirges, frisch gegründet im September 2019, befindet sich zu Beginn seines ...

Neues Restaurant in Höhr-Grenzhausen eröffnet

Nun ist es „offiziell“: Aus dem ehemaligen „Wilddieb“ am Zoll in Höhr-Grenzhausen wurde das Restaurant ...

Ministerium fördert den Notfallstandort Dierdorf

Am 23. Januar wurde den Verantwortlichen des Evangelisches Krankenhauses Dierdorf/Selters (KHDS) in Mainz ...

Geistliche Abendmusik mit den „Kirchenmäusen"

Lebendig und fröhlich geht es zu, wenn der Kinder- und Jugendchor „Die Kirchenmäuse" die Wände der Evangelischen ...

Abfahrtskontrollen des Schwerlastverkehrs

Im Sinne der Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer auf der Autobahn, führte die Polizeiautobahnstation ...

Rockets verlieren auswärts in Neuwied

Die Pre-Playoffs sind kein Spaziergang – das wussten die Rockets schon vorher, seit Sonntagabend aber ...

Werbung